zurück 28.09.2018

Der Preis meiner Daten

In der WirtschaftsWoche ist ein Beitrag über it’s my data erschienen. „Die Ära der Datenselbstvermarktung kann also kommen“, schreibt Wiwo-Redakteur Daniel Schönwitz. Das finden wir auch. Aber lest selbst.


Eine Onlineplattform verspricht ihren Kunden, dass sie alle Daten, die Konzerne über sie gespeichert haben, verkaufen können. Wie das funktionieren soll, zeigt ein Selbsttest.

TEXT: DANIEL SCHÖNWITZ

Michael Giese und Alexander Sieverts wollen die Macht der Internetgiganten brechen. Statt Google, Facebook und Co. das große Geld machen zu lassen, sollen die Eigentümer der Daten das Geschäft in die Hand nehmen – also wir selbst. Und zwar mithilfe ihrer Plattform itsmydata.de, die seit Mitte August live ist. Hier könnten Menschen ihre Daten „monetarisieren“, versprechen die beiden.

Die Internetgiganten in die Schranken weisen und damit Geld verdienen? Klingt gut, dachte ich mir – zumal der Wert von Daten steigen dürfte. Denn die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die Ende Mai in Kraft trat, macht professionellen Sammlern das Leben schwer. So prognostiziert der Ökonom Justus Haucap, dass Daten zum „knapperen Gut“ werden (WirtschaftsWoche 22/2018). Das treibt die Preise.

Giese und Sieverts bieten eine Lösung gegen die Sammelwut von Facebook oder Google, die verblüffend einfach klingt: Die Kunden sollen ihre Daten selbst kontrollieren und vermarkten – und auf diese Weise verhindern, dass nur einige wenige Unternehmen Zugriff haben. Eine willkommene Steilvorlage für die beiden ist die DSGVO, die Bürgern das Recht gibt, abzufragen, was Unternehmen über sie speichern. „Unsere Plattform ist zunächst einmal ein Instrument, dieses Recht effizient durchzusetzen“, sagt Giese.

Aber wie aufwendig ist es, meine Daten anzufordern und damit meinen persönlichen Datenschatz aufzubauen? Nach der Registrierung steuere ich die Rubrik „My Targets“ an, in der ich Unternehmen auswählen kann, bei denen ich Kunde bin. Ich wähle zunächst den Bereich „Social Media“, woraufhin unter anderem das Logo von Facebook erscheint. Danach muss ich dann nur meine Facebook-Log-In-Daten eingeben – und schon werden meine dortigen Profildaten automatisch zu itsmydata.de übertragen. Parallel dazu geht eine Mail raus, die alle weiteren personenbezogenen Daten anfordert, die Facebook über mich speichert. Komplizierter ist das Prozedere bei anderen Unternehmen, etwa bei der HUK-Coburg oder der Deutschen Telekom, wo ich nach dem Klick auf „Anfrage senden“ neben Namen, Adresse, Geburtsdatum und Handynummer noch meine Kundennummer angeben und mich per SMS validieren muss.

 

Persönliches Konto

Die Unternehmen reagieren: Gut drei Wochen später erreicht mich zum Beispiel Post von der Telekom. Nun kann ich nachlesen, was der Konzern über mich speichert: In erster Linie sind das Name, Geburtstag, Kontakt-, Vertrags- und Bankdaten. Zudem sehe ich, dass ich etlichen „Werbemaßnahmen“ zugestimmt habe – und dass „externe Dienstleister“ meine Daten nutzen, darunter Datenspezialist Arvato.

Sind alle Daten der verschiedenen Anbieter erst mal auf der Plattform, führt itsmydata.de sie zu meinem „persönlichen Datenkonto“ zusammen, das mir nach und nach einen immer genaueren Überblick darüber gibt, wer was über mich weiß. „Außerdem könnten Sie uns kostenlos beauftragen, die Löschung oder Korrektur von Daten zu beantragen“, sagt Sieverts. Im nächsten SchrittsollenKundenwieichjeneDatenfreigeben können, die sie gegen Honorar preisgeben würden. Vom Erlös will itsmydata.de eine Provision in Höhe von „10 bis 15 Prozent“ einbehalten.

Aber wer wird die Daten kaufen? „Wir führen derzeit Gespräche mit Unternehmen“, sagt Sieverts: „Angesichts der DSGVO und der geplanten E-Privacy-Verordnung können Datenhändler nicht mehr annähernd so viele Informationen sammeln und verkaufen. Unternehmen und Werbetreibende brauchen deshalb neue Quellen.“ Das werde den Werbemarkt tief greifend verändern. Wie viel können itsmydata-Kunden verdienen? „Auf Basis aktueller Schätzungen zur Wertentwicklung von Daten sind Erlöse von mehreren Hundert Euro pro Jahr, aber auch im vierstelligen Bereich denkbar“, sagt Sieverts. Das hänge eben davon ab, wie viele Daten der Kunde preisgebe.

Die Betreiber der Plattform Data Fairplay, die vor vier Jahren mit einer ähnlichen Idee an den Start ging, machen genauere Angaben. Es könnte mir demnach fünf Euro bringen, einem Unternehmen ein Hobby und Kontaktdaten zu nennen – in Verbindung mit der Erlaubnis, Werbung zu schicken. Für detaillierte Angaben im Rahmen einer Befragung seien 40 Euro drin. Doch das scheint noch blanke Theorie, auf eine Anfrage reagieren die Betreiber nicht.

Das zeigt, dass Giese und Sieverts noch einen weiten Weg vor sich haben. Doch bei allem Idealismus, der bei der angestrebten „Private Data Economy“ mitschwingt: Reine Fantasterei ist das nicht. So lautet eine der acht „Technologie-Vorhersagen“ der NonProfit-Organisation CBN Foundation für die nächsten zehn Jahre: „Unternehmen werden beginnen, Menschen für den Zugang und die Nutzung ihrer Daten zu bezahlen.“ Für mich ist jedenfalls ein erster Schritt gemacht: Nach und nach laufen derzeit Auskünfte ein – und lassen ein kleinen Datenschatz entstehen. Die Ära der Datenselbstvermarktung kann also kommen.

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